forschen und entdecken - Band 18

Georisikokarte Vorarlberg
 

Ruff, M., Kühn, M. & Czurda, K.
Gefährdungsanalyse für Hangbewegungen

Einmal mehr zeigten die Vermurungen und Überschwemmungen im August 2005 allzu deutlich, dass in der Bilderbuchlandschaft Vorarlberg Gefahren lauern - und auch weiterhin lauern werden. Geologische Massenbewegungen sind ein integrales Element in der alpinen Landschaft. Nicht erst seit der letzten Eiszeit besteht in den Alpen in Ungleichgewicht zwischen "Vollformen" und "Hohlformen". Aus den schroffen Alpen eine sanft-hügelige Mittelgebirgslandschaft zu machen, lautet das Ziel, das sich die Natur für die nächsten Jahrmillionen gesetzt hat. Ein langfristiges Projekt, von dem die Menschheit nur einen kleinen Abschnitt miterlebt. Felsstürze, Hangrutschungen, Muren und andere Arten von Massenbewegungen machen regelmäßig in kleinen und großen Ereignissen darauf aufmerksam, dass sich die Natur nicht vom Menschen beherrschen lässt. Georisiken werden immer Teil des Lebens in den Alpen sein.

Doch der Mensch hat verlernt, mit den Naturgefahren zu leben. "Seit Menschengedenken ist hier nichts passiert", ist eine oft vernommene Aussage, wenn es gilt, ein neues Entwicklungsgebiet - sei es als Siedlungsraum, sei es für die Industrie - als sicher zu charakterisieren. Doch die nüchterne Betrachtung zeigt: Das "Menschengedenken" reicht selten weiter als 50 Jahre zurück. In Unkenntnis der potentiellen Gefahren dringt der Mensch mit seinen Siedlungs- und Industriebauten in Gebiete vor, die einst zu Recht als unbebaubar galten. Doch die vermeintliche Ruhe trügt. Erst Unwetter und Massenbewegungen bringen ein böses Erwachen.

Die Aufgabe des Geologen ist es, potenzielle Georisiken zu erkennen, die Gefährdung für den Menschen einzuschätzen und geeignete Vorsichtsmassnahmen vorzuschlagen. Denn eine sinnvolle Raumplanung kann die Schäden deutlich vermindern. Um dies zu erleichtern, unterstützte die inatura seit 1999 ein Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Angewandte Geologie (AGK) der Universität Karlsruhe. Mit der Hilfe von Geoinformationssystemen (GIS) wurde ein digitales Kartenwerk von potentiellen Risikozonen geschaffen, das von den Behörden in beliebigen Maßstäben verwendet, ausgegeben und ergänzt werden kann.

Während der Georisiko-Atlas den Raumplanern in digitaler Form zur Verfügung gestellt wird, berichtet dieser Band über dessen Zustandekommen. Nicht nur eine Bewertung von Vorarlbergs Talschaften war das Ziel der Studie, sondern auch die Entwicklung einer Standardmethode, die - auch über Vorarlberg hinaus - unter Verwendung von vorhandenem Datenmaterial (von der geologischen Karte bis zum digitalen Höhenmodell) eine rasche und unkomplizierte Einschätzung des Georisikos erlaubt.

Die Studie ist aber mehr als ein nur eine Erläuterung zum digitalen Kartenwerk. Sie macht bewusst, welch komplexe Faktoren in die Risikoabschätzung einfliessen müssen. Sie zeigt auf, dass Anfälligkeit für Massenbewegungen keinesfalls mit potentieller Gefährdung von Mensch und Wirtschaft gleichgesetzt werden darf. Sie gibt Einblick in die lokale Gefährdung und bietet eine wertvolle Hilfestellung für die Raumplanung. Und sie eröffnet die Möglichkeit, die Bevölkerung über die Gefahren zu informieren und so langfristig das Risiko zu mindern.