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Tagpfauenaugen – Das Jahr danach
Das Tagpfauenauge (Inachis io) war Schmetterling des Jahres 2009. Er hat seine Chance genutzt: Der rotbraune Edelfalter mit der großen Augenzeichnung konnte im vergangenen Jahr sehr viel Nachwuchs produzieren. Er profitierte von dem langen warmen Sommer und wird generell von der Klimaerwärmung bei uns begünstigt. Nicht immer finden die Schmetterlinge allerdings passende Winterquartiere. In beheizten Räumen erwachen sie dann oft mitten im Winter aus ihrer Kältestarre. Natürlich will jeder diese bunten Sympathieträger aus dieser misslichen Lage retten.
Tagpfauenaugen sind in Europa und Asien weit verbreitet und häufig, man findet sie auch in alpinen Höhen. Ihre Raupen fressen ausschließlich Brennnesseln, die als rasch wachsende Stickstoffzeiger von intensiver landwirtschaftlicher Düngung profitieren. Auch im Garten hat man rasch seine „eigenen“ Tagpfauenaugen, wenn man den Wuchs von Brennnesseln an sonnigen Standorten zulässt.
Bis über 200 Eier legt ein weibliches Tagpfauenauge auf die Unterseite von Blättern der Futterpflanze ab. Drei Wochen danach schlüpfen die kleinen Raupen, sie sind grün und haben einen schwarzen Kopf. Sie leben zunächst im Verband und schützen sich durch Gespinste, die sie um weite Teile der Futterpflanze spinnen. Die ausgewachsenen, schwarzen und stacheligen Raupen hängen sich zur Verpuppung verkehrt auf die Stängel der Brennnessel und spinnen sich ein. Gut zwei Wochen später schält sich dann ein frischer Schmetterling aus jeder Puppe.
Zeitig im Frühjahr laben sich die ersten Tagpfauenaugen an Huflattich und anderen Frühblühern. Nach der Paarung und Eiablage sterben die Insekten bald ab. Im Juni erreicht dann ihre Nachwuchsgeneration die Flugfähigkeit. Oft wird im Sommer eine Diapause eingelegt, also eine Ruhephase in der Entwicklung, sodass die Falter dann im Herbst erst aktiv werden. In wärmebegünstigten Tallagen können diese Schmetterlinge aber auch eine zweite Sommergeneration ausbilden. Dies wurde bei uns aufgrund der hohen Sommertemperaturen in den vergangenen Jahren verstärkt beobachtet. Gerade 2009 hat sich eine sehr starke Sommergeneration an Tagpfauenaugen ausgebildet. Der Zusammenhang mit klimatischen Veränderungen ist augenscheinlich, diese Schmetterlinge profitieren davon.
Im Oktober suchen die Tagpfauenaugen ihre Winterquartiere auf. Es sind die Überlebenden der Frühjahrsgeneration ebenso wie ihre zahlreichen Nachkommen aus der Sommergeneration. Frostsichere Felsspalten, Höhlen, Fuchs- und Dachsbauten werden ebenso als Quartier gewählt wie menschliche Behausungen. Die Quartieransprüche sind hoch: Fehlt eine angemessene Luftfeuchte, so vertrocknen die Falter. Ist die Feuchtigkeit zu hoch, werden sie Opfer von Pilzerkrankungen.
Derart sind auch die menschlichen Behausungen für sie nicht optimal, die Dachböden sind eher zu trocken, Keller oft zu feucht. Und die Gefahr von Störungen ist sehr groß: Die intensive Beheizung von Wohnräumen im Winter führt zum Aufwachen der Schmetterlinge aus der Winterstarre. Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem sie im Freien nicht überleben können. Dieses Erwachen ist auch ein sehr energieaufwendiger Prozess, es vermindert die Chancen auf ein Überleben bis ins kommende Frühjahr.
Taucht ein Schmetterling als unerwarteter Wintergast im Wohnzimmer auf, sollte er möglichst rasch in ein kaltes aber frostsicheres Winterquartier getragen werden. Fütterungsversuche sollten keinesfalls angestellt werden, sie schaden den Tieren im Zweifelsfall nur. Geeignete Quartiere sind Dachböden, Keller, Scheunen oder Garagen. Wichtig ist, dass die Schmetterlinge im Frühjahr diese Quartiere möglichst ohne unsere Hilfe wieder verlassen können. Dann benötigen sie nämlich tatsächlich dringend Nahrung.
Schmetterlinge - ein gefährdete Vielfalt

Schmetterlinge zählen mit weltweit ca. 150.000 beschriebenen Arten zu den erfolgreichsten Organismengruppen. Außerordentlich hohe Artenzahlen sind selbst in unseren Breitengraden (Vorarlberg ca. 2300 Arten) an der Tagesordnung, und selbst neue Arten werden noch entdeckt.
Jedoch ist diese Vielfalt zunehmend gefährdet. Im Ländle ist wie in anderen Gebieten Mitteleuropas die intensive landwirtschaftliche Nutzung von Wiesen und Weideflächen ein bedeutender Faktore für den Arten und Individuenschwund. Die komplizierte Metamorphose über Ei, Raupe, Puppe bis hin zum Falter ist ein empfindliches Gefüge, da die Raupenstadien vieler Arten sehr stark spezialisiert und auf eine oder wenige Pflanzen angewiesen sind. Die Falter wiederum können an ganz andere Lebensräume gebunden sein. Beispiel wäre der Hochmoor-Perlmutterfalter aus dem Fohramoos, dessen Raupe auf Moorheidelbeeren frisst, die Falter jedoch Blütensäume im Moor-Randbereich benötigen.
Besonders heikel ist die Entwicklungsgeschichte der einheimischen Ameisenbläulinge. So leben 2 Arten als Raupe zuerst in den Blütenköpfen des Großen Wiesenknopfs, einer typischen Streuwiesenpflanze. Später werden sie von bestimmten Ameisen adoptiert und fressen in deren Bauten die Ameisenbrut. Frühzeitige Mahd der Blütenköpfe oder Bearbeitung des Bodens mit schwerem landwirtschaftlichen Gerät sind für diese daher Tiere gleichermaßen fatal. Nicht umsonst wurden der Dunkle und der Helle Ameisenbläuling auch von der EU streng geschützt. In Vorarlberg finden sich überregional bedeutende Vorkommen im Rheintal, selbst im Bereich der umstrittenen S 18 –Trasse.
Die geringe Anpassungsfähigkeit macht etliche Schmetterlingsarten zu hervorragenden Indikatoren für schleichende Umweltveränderungen. So konnte als Indiz für die Klimaerwärmung in den letzten Jahren eine deutliche Verschiebung der Verbreitungsgrenzen vieler Arten nach Norden oder eine frühere jahreszeitliche Flugzeit registriert werden. Auch Umweltgifte führen zum Verschwinden mancher Art. Beispielsweise wurde von Forschern des Tiroler Landesmuseums in Südtirol ein dramatischer Artenschwund in blumenreichen Wiesen beobachtet, und ein Zusammenhang mit der Verdriftung von Spritzmitteln aus dem Obstanbau selbst in Naturschutzgebiete bewiesen.
In Vorarlberg konnte ein massiver Rückgang von Feuchtgebietsarten im Bereich der unteren Ill nachgewiesen werden, eine Reaktion dieser Artenbestände auf den sinkenden Grundwasserpegel. Umgekehrt verschwanden dieselben Arten teilweise aus dem Rheindelta, hier aber als Folge des langanhaltenden Hochwasser im Jahr 1999.
Schmetterlingsforschung ist also ein Beispiel moderner Umweltforschung, wobei die Tiere als überaus empfindliche „Seismographen“ verwendet werden. Forschungsprojekte - wie das 2005 im Fohramoos gestartete - helfen kurz- und langfristige Fehlentwicklungen zu bemerken und allenfalls zu korrigieren. Ein besonderes Anliegen sind den Wissenschaftlern dabei aber nicht nur die bunten Tagfalter, sondern auch die große Mehrzahl der oft ebenso bunten, phantastisch gezeichneten und im ökologischen Kreislauf enorm wichtigen Nachtfalter. Trotz ihrer Bedeutung als Bestäuber, Nahrungsquelle für Vögel und Fledermäuse oder auch als wesentliche Zersetzer von Pflanzen werden Nachtfalter aus Kenntnismangel vernachlässigt. Gerade bei diesen Gruppen wird das große Sterben daher oft übersehen. Eine Wiese ohne Falter am Tag, das macht betroffen, doch wer sieht das Fehlen der Falter in der Nacht? Aktionen wie die Erfassung von Nachtfaltern mit Kunstlicht machen sich die Orientierung über Mond und Sterne zu Nutzen und die fehlgeleiteten Falter können dann leicht bestimmt und registriert werden, bevor sie wieder freigelassen werden.
Gerade diese Anziehung durch Kunstlicht hat aber fatale Folgen: Millionen Tiere sterben jedes Jahr durch übermäßige Beleuchtung. Die Schmetterlingsforscher aus Innsbruck haben daher das Projekt "Die Helle Not" gestartet, um gängige weiße Quecksilberdampflampen gegen für den Menschen als angenehmer empfundene gelbe Natriumdampflampen auszutauschen, da diese Nachtfalter in zehnfach geringerem Ausmaß anlocken. Bei gleichzeitigem Energieeinsparvolumen von 30-40% einer der wenigen Fälle wo Ökonomie und Ökologie gleichermaßen zu den Gewinnern zählen. Auch Vorarlberg hat sich diesen Argumenten nicht verschlossen und viele Gemeinden haben ihre Straßenbeleuchtung bereits umgestellt.

