inatura Dornbirn

Eine Herzmuschel in Lebensstellung

Herzmuschel in Lebensstellung (Ansicht von unten) - © inatura / Georg Friebe

  
Gleich zwei Typen von Fossilien sind auf dem Stück Sandstein mit der Inventarnummer P.23403 vereint: Der Steinkern einer Muschel und eine fossile Lebensspur, die diese Muschel hinterlassen hat. Die Kombination von Tierfossil und Spurenfossil ist nicht alltäglich. Lebensspuren dokumentieren Verhaltensweisen, wenn das Tier längst verschwunden ist. Fluchtspuren zeugen von plötzlicher Sedimentbedeckung, während Ruhe- und Kriechspuren auf Leben im sauerstoffreichen Bodenwasser hinweisen. Die Tierreste hingegen werden verfrachtet und sind nur selten in Lebensstellung an ihrem urprünglichen Wohnort erhalten. Meeresströmungen und Fressfeinde legen im Sand vergrabene Muscheln frei, Stürme reissen die Klappen auseinander und schwemmen sie in völlig neue Ablagerungsräume.

Eine Ausnahme bilden die Herzmuscheln der Familie Cardiidae, die gelegentlich in den 32 Millionen Jahre alten "Bausteinschichten" gefunden werden. Eigentlich dürften sie in diesem Ablagerungsraum nicht vorkommen: Cardien besiedeln die Gezeitenzone, wo sie flach im Sand vergraben vor Feinden geschützt leben. In den Bausteinschichten aber gibt es kaum Hinweise auf Gezeiteneinfluss. Auf einem weiten, seichten Sandschelf wurde der Sand von küstenparallelen Strömungen weit verfrachtet. Gelegentlich finden sich Sturmflut-Sedimente. Kurz: nur wenige Cardien empfanden dieses Milieu als geeigneten Lebensraum.

Die vergrabenen Muscheln sind über den Sipho mit der Aussenwelt verbunden. Das schlauchartige Organ saugt Wasser und Nahrung an, über einen weiteren Schlauch werden die Abfälle entsorgt. Mit ihrem muskulösen Fuß sind die Muscheln im Sediment "verankert".

In den Bausteinschichten sind die ohnehin schon spärlichen Muscheln nicht leicht zu finden. Sie wurden nicht von Stürmen freigelegt und auf der Sedimentoberfläche verteilt. In der Sandschicht verborgen, sind sie nur im Querbruch zu entdecken. Aber auf Handstück P.23403 erscheint eine Muschel auf der Schichtfläche. Und sie wird von einem ringförmigen Wulst begleitet. Was ist geschehen?

Der Gedanke liegt nahe, dass die Muschel kurz vor ihrem Tod die Schichtoberfläche durchbrechen wolle, dabei Sand zur Seite gedrängt und den Wulst aufgeworfen hat. Doch dann müssten Wirbel und Schloss sichtbar sein, an dem die beiden Klappen verbunden sind. Statt dessen sieht man die leicht geöffneten Schalen, zwischen denen einst der grabende Fuß ins Sediment drang. Wir blicken auf die Unterseite der Schicht! Die Herzmuschel hat die dünne Sandschicht vollständig durchgraben. Der Wulst zeugt vom vergeblichen Versuch, tiefer zu dringen. Die unterlagernde Schicht war bereits etwas verfestigt, aber immer noch plastisch. Sie wurde etwas verdrängt und musste dem zur Seite geschobenen Sand Platz machen, ohne dass es zur Sedimentdurchmischung gekommen wäre. Warum die Muschel starb, bleibt spekulativ. Die Überdeckung mit Sand wäre ebenso denkbar, wie Parasitenbefall oder simple Altersschwäche.

 

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