Inhalt
Glitzernde Kostbarkeiten : Heilsteine ?
Geschichtliches
Seit urdenklichen Zeiten versucht der Mensch, die Geheimnisse der Minerale zu ergründen. Erst die moderne Chemie und Röntgentechnik konnten den Innenbau der Kristalle entschlüsseln. Zuvor mussten die absonderlichsten Erklärungen für ihre Entstehung herhalten. Den Steinen wurden übernatürliche Kräfte zugeschrieben.
Hämatit ("Blutstein") wurde als Beigabe in Gräbern der Jüngeren Altsteinzeit gefunden. Er sollte wohl dem Toten als lebensspendende Blut für sein jenseitiges Leben dienen.
Die ältesten schriftlichen Überlieferungen verdanken wir den Denkern und Forschern der Antike. GALENUS berichtete von wundertätigen Amuletten, die aus Steinen und Teilen von Tieren (z.B. Hundezähnen, Korallen) hergestellt wurden. DIOSKURIDES führte in der "Arzneimittellehre" neben Heilpflanzen auch einige mineralische Heilmittel an. PLINIUS beschäftigte sich in seiner "Naturkunde" unter anderem mit den Kräften des Mineral- und des Pflanzenreiches, spottete aber gelegentlich über das, was ihm unglaubwürdig erschien.
Die Autoren des Mittelalters stützten sich vorwiegend auf mündliche Überlieferungen und ergänzten diese durch eigene Beobachtungen. Die Schriften der Antike blieben oft vergessen und sollten erst wieder auf dem Umweg über arabische Gelehrte Eingang in die europäischen Bibliotheken finden. Ein wandernder Berufsdichter des 13. Jahrhunderts, der sich DER STRICKER nannte, griff in einem Spottgedicht die Heilsteine derart an, daß VOLMAR, Verfasser eines Steinbuches, forderte, man solle den STRICKER deswegen erschlagen. Uns besser bekannt sind die stark religiös geprägten Ausführungen der HILDEGARD VON BINGEN, die gerade heute wieder in hohem Ansehen stehen.
Die Wiederentdeckung der Antike und die zunehmende Beschäftigung mit zunächst unerklärlichen Naturerscheinungen während der Renaissance brachte eine wahre Flut an Studien über die "Heilkräfte" von Mineralen. Die antiken Quellen wurden aufgearbeitet und auch kritisch beleuchtet. Das Aufkommen des Buchdruckes förderte die Verbreitung des neuerworbenen Wissens. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, daß der Forschertrieb zu einer Gratwanderung an der Grenze zur Zauberei und Ketzerei wurde und mitunter auf dem Scheiterhaufen der Inquisition endete.
Noch im 18. Jahrhundert enthielten die Arzneischränke der Apotheken eine beträchtliche Anzahl von Mitteln, deren "Heilwirkung" auf ihrer suggestiven Ausstrahlung beruhte (Placebo-Effekt). Obwohl sie ihren eigentlichen Aufgaben, wie z.B. der Abwehr von Blitzschlag, Verzauberung oder Pest, nicht gerecht wurden, so sicherten sie zumindest doch das seelische Gleichgewicht ihrer Besitzer (sowie das finanzielle Gleichgewicht der Händler). Für die Gelehrten aber war die Verwendung von Steinamuletten zu Heilzwecken kein Thema mehr. Sie beschäftigten sich mit Gesteinen und Mineralen, die aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften tatsächlich direkt auf den menschlichen Körper einwirken - was jedoch etwa bei Arsen oder quecksilberhaltigem Zinnober nicht unbedingt der Gesundheit förderlich ist.
Der wichtigste Grundsatz in der frühen Medizin lautete: "Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt". Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt PARACELSUS, formulierte dies in seiner Signaturenlehre: Gott in seiner unendlichen Güte und Weisheit hat alle Stoffe, alles Leben mit besonderen Kräften ausgestattet. Damit der Mensch diese Kräfte erkennt, deuten Form und Farbe auf die möglichen Anwendungsbereiche. Rot bedeutet Blut, rote Steine (und Pflanzen) heilen Krankheiten, die mit Blut zusammenhängen, usw.
Zu den Kräften, die den einzelen Steinen zugeschrieben wurden, siehe:
- Glossarium Geologicum Magicum :
http://bestiarium.net/geomagie.html - Textproben : Serpentin
Esoterik und New Age
In der "Naturheilkunde" werden Krankheiten als eine Störung in der Harmonie zwischen Geist und Körper betrachtet. Amulette und Rituale sollen helfen, einen unbewussten, aber abgestumpften Selbstheilmechanismus zu aktivieren. Doch die eigentliche Wirkung geht vom Menschen aus. Der Stein ist dabei nur Mittel zum Zweck ohne eigentliche Heilwirkung. Die angeblichen feinstofflichen "Strahlungen" und "Schwingungen" sind nicht nachweisbar, die "Wirkungen" konnten in doppeltblinden Untersuchungen nicht belegt werden (doppeltblind: weder behandelnder Arzt noch Patient wissen, ob ein echtes Medikament oder ein Scheinmedikament = Placebo verabreicht wird). Die häufigsten Ausreden: "Wozu Studien? Ich weiss, dass es wirkt!" / "Ich verlasse mich auf die Erfahrungen." / "Die grobe Wissenschaft kann das gar nicht ergründen, das muss gefühlt werden." / "Das verstehst Du nicht, verstehe ich es kaum." Als "Beweis" werden die alten Quellen zitiert (die angeblich von der "bösen Wissenschaft" geheim gehalten werden), wobei Behauptungen, die heute widerlegt sind, stillschweigend weggelassen werden. Wer würde folgende Aussagen heute als "jahrhundertealtes Geheimwissen" zitieren?
Textprobe - Was uns die Erfahrung lehrt :
Der Vogel Strauß verdaut das kalte und harte Eisen und verwandelt es in Nahrungsstoff für seinen Körper, und sein Magen soll auch durch glühendes Eisen nicht verletzt werden können. Ein kleiner Fisch, der Saugefisch genannt, bezähmt dergestalt die Wut der Winde und des aufgeregten Meeres, daß, wenn auch der Sturm noch so sehr tobt und der Wind alle Segel aufschwellt , jenes Fischchen im Stande ist, durch bloße Berührung die Schiffe zum Stehen zu bringen, daß sie sich gar nicht mehr bewegen können. Die Salamander und gewisse geflügelte Tierchen leben im Feuer, und obgleich sie manchmal zu brennen scheinen, so nehmen sie doch keinen Schaden. [...] Dergleichen wunderbare Dinge gibt es noch viele, welche kaum glaublich wären, wenn man sie nicht aus der Erfahrung kennen würde.
(AGRIPPA VON NETTESHEIM, 1510: I. Buch, Kap. 10).
Magische Handlungen sind nicht unbedingt unsinnig und deswegen wirkungslos. Der Manager etwa, der heimlich sein Amulett zu Sitzungen mitnimmt, ist überzeugt, dass ihm sein Gegner nun nichts mehr anhaben kann. Er wird gelöster und selbstsicherer. Wer aber auf die heilende Wirkung von Steinen vertraut, sollte bedenken:
Im akuten Krankheitsfall kann der Verzicht auf ärztliche Hilfe tödlich sein.
"Gute Schwingungen" sollen die Wirkungen der Kristalle hervorrufen. Einschlägige Literatur empfiehlt sorgsamen Umgang, um die sensiblen Kristalle nicht zu "erschrecken". Hast du dir schon Gedanken gemacht, was ein "Heilstein" alles mitmachen muss, bis er auf den Ladentisch kommt? Viele Minerale werden maschinell abgebaut: Lockerung des Gesteins durch Sprengungen, Verladung auf LKW mittels Bagger, händisches Aussortieren, Zerkleinerung durch Hammer oder Säge, chemische Färbung oder Behandlung mit Wachs, Kunstharz ..., Schleifen und Polieren, neuerlicher Transport ...
Was heute in Esoterik-Shops verkauft wird, ist oft billiger Abfall, der chemisch oder durch schleifen aufbereitet wurde. Graue und unscheinbare Achate erlangen mit viel Schwefelsäure und Chemiefarben eine neue Pracht (neuerdings auch in neongrün und zuckerlrosa). Minderwertiger Türkis wird nachgefärbt und mit Paraffin behandelt, damit er schöner glänzt. Angeblicher Bernstein entpuppt sich als Kunstharz, und die eingeschlossenen Insekten sind keine Fossilien, sondern wurden in der Werkstatt gefangen. Bergkristall und Pyritsonnen werden mit Gold bedampft. Der feine Überzug verleiht ihnen eine kühle, blassblaue Färbung. Bergkristall wird gerne nachgeschliffen: Natürliche Unregelmässigkeiten im Wachstum werden als störend empfunden. Die Kristallgeometrie spielt dabei keine Rolle, und es ist üblich, Kristallflächen ganz weg zu schleifen oder nach Lust und Laune neue Flächen hinzu zu fügen.
