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Ammoniten der Kreidezeit
Der Stolz eines jeden Naturmuseums sind die "Typen". Damit sind jedoch nicht die Mitarbeiter gemeint! Wer eine neue Tier- oder Pflanzenart beschreibt, muss ein besonders charakteristisches Exemplar auswählen. Es gilt als "Urbild" der Art. Dieser Holotypus muss in einer öffentlichen Sammlung (Museum, Universität) aufbewahrt werden und anderen Wissenschaftlern zum Studium bereit stehen. Alle weiteren in der Originalpublikation zu dieser Art gezählten Stücke gelten als Paratypen. Sie dokumentieren u.a. die Variationsbreite der Art. Spätere Funde werden zur Bestimmung mit den Typen verglichen. Denn verbale Beschreibungen sind subjektiv und können nie das gesamte Aussehen dokumentieren. Auch Fotos und Abbildungen geben das Objekt nicht immer originalgetreu wieder: Gerade in der Frühzeit der Paläontologie wurden Abbildungen oft beschönigt.
Sämtliches Belegmaterial zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen wird in Österreich in einer eigenen Datenbank erfasst und ist über das Internet abrufbar – so auch die 11 Holotypen, 13 Syntypen (gleichwertige Typen, aus denen kein Holotypus ausgewählt wurde) und 41 Paratypen in der Fossiliensammlung der inatura. Über diese Datenbank erreichte uns im Spätsommer 2007 eine Anfrage aus Frankreich: Die inatura möge Abgüsse von zwei Holotypen zur wissenschaftlichen Bearbeitung zur Verfügung stellen.
In den 1920er-Jahren hatte Museumsgründer Siegfried Fussenegger mehrfach Fossilien der Kreidezeit an den Ammoniten-Spezialisten Otto Seitz am Preußischen geologischen Landesamt in Berlin zur wissenschaftlichen Bearbeitung übersandt. Neben summarischen Auflistungen aller an den einzelnen Fundorten gesammelten Arten wurden einige ausgewählte Ammoniten-Gattungen einer genaueren Betrachtung unterzogen und in zwei Publikationen dokumentiert. Für die Gattung Leymeriella konnte Otto Seitz gleich mehrere neue Arten definieren, darunter Leymeriella pseudoregularis und Leymeriella fusseneggeri. Beide wurden erstmals in Vorarlberg gefunden, und ihre Holotypen befinden sich heute in der Sammlung der inatura. Die erste Art hat Seitz mit der schon bekannten L. regularis verglichen, letztere wurde zu Ehren ihres Finders benannt.
Der Name L. fusseneggeri blieb weltweit gültig, bis Karl Föllmi an der Universität Zürich in den 1980er-Jahren eine Neubearbeitung dieser Ammonitenfauna in Angriff nahm. An den Originalfundplätzen hat er neues Material gesammelt und mit allen weltweit verfügbaren Holotypen der unterschiedlichen Arten von Leymeriella verglichen. Und er kam zu dem – für uns wenig erfreulichen – Ergebnis: L. fusseneggeri entspricht in allen wesentlichen Merkmalen der schon viel länger bekannten Art L. intermedia. Während Seitz die Unterschiede noch für ausreichend hielt, um die Definition einer neuen Art zu rechtfertigen, erklärte Föllmi die beiden Arten als synonym. Und die Internationalen Regeln der Zoologischen Nomenklatur schreiben klar vor: Der älteste verfügbare Name hat Vorrang und geht auch auf die jüngeren Synonyme über. So wurde L. fusseneggeri zur L. intermedia.
Nun steht eine weitere Neubearbeitung dieser Gattung an. Der Paläontologe Jean-Louis Latil, freier Mitarbeiter an der Universität Grenoble, möchte sich persönlich davon überzeugen, ob die beiden Namen gleichgesetzt werden müssen, oder ob sie doch zwei eigenständige Arten repräsentieren. Gleichzeitig soll auch L. pseudoregularis überprüft werden.
Typenmaterial wird im Normalfall nicht außer Haus gegeben. Zu groß ist die Gefahr des Verlustes. Ein naturgetreuer Abguss muss zum Studium genügen. Reichen Originalbeschreibung, Abbildung und Abguss für die Neubewertung nicht aus, so kann nur eine Reise nach Dornbirn die noch offenen Fragen klären.
